Wohnen Sie komfortabel und fair!
Wanderer,
kommst Du nach Palma ...

In manchen Reiseführern und vielen Reisefeuilletons wird behauptet, La Palma sei ideal für Bergsteiger, und wenn ein vorsichtiger Mensch sich eine ordentliche Karte besorgt und Höhenlinien und -angaben studiert, scheint ihm das keineswegs abwegig.

Bergsteigerausruestung

Hoffentlich haben Sie Ihr Gepäck nicht mit Bergsteigerausrüstung beschwert - ich kann Ihnen nämlich bloß sagen "olvidelo" (vergessen Sie's)! Zwar ragen hier Bergwände himmelhoch und manche Felsenrippe ist bombenfest, aber das meiste ist schlicht Krümel und kullernde Lava. Falls Sie aber "nur" ein Bergwanderer sind kommen Sie voll auf Ihre Kosten! Die Bergwelt von Palma ist so abwechslungsreich, dass Sie leicht jede Stunde Tageslicht auf dem Huppel verbringen können und am Ende Ihres Urlaubs immer noch meinen "viel zu wenig“ gesehen zu haben. Kommen Sie wieder wir waren schon 19 Mal hier, haben natürlich etliche Touren mehrfach gemacht, besonders als Führer für Palmaneulinge, aber alles kennen auch wir noch nicht.

Und dass uns Palma mittlerweile langweilig würde - ¡ni hablar! (denkste!).

So, und nun ein Wort an schlicht Naturbegeisterte, die überm Autofahren noch nicht vergessen haben, dass sie auch Beine haben:

Schuhe

Was Sie auf jeden Fall brauchen, sind Schuhe mit anständigem Profil sonst sitzen Sie selbst auf einem harmlosen Fußpfad schneller auf dem Podex als Ihnen lieb ist. Schuhe mit glatten Ledersohlen stellen Sie am besten für die Dauer Ihres Urlaubs in den Schrank. Und auf hohen Absätzen können Sie nur als geborene palmera herumspazieren - sogar die haben noch oft genug verknackste Knöchel oder ein Loch im Knie. Haben Sie aber Stiefel die fest am Fuß sitzen und auch noch die Knöchel schützen und stützen, sind Sie für alle Eventualitäten gut gerüstet.

Dann flüstere ich Ihnen nur noch eins zu: „Nicht sorglos werden!" Einer meiner Miturlauber folgte allen Ratschlägen, aber bei einer Autotour zum Faro (Leuchtturm) von Fuencaliente meinte er, für die paar Schrittchen zur Mole und retour lohnte es sich nicht, die Sandalen gegen Stiefel zu vertauschen.

First Aid

Tja, der Arzt von Fuencaliente wusch gerade sein Auto, als ein bleiches deutsches Pärchen bei ihm erschien und eine Hand mit einem langen klaffenden Schnitt präsentierte. Für den Rest des Urlaubs erinnerten Fäden mit säuberlichen Knoten daran, dass Lavabrocken teuflisch scharf sein können, wenn man darauf fällt. Na schön, das war Pech und schließlich hat mich eine kleine Gartentreppe außer Ge­fecht gesetzt. Aber denken Sie daran, auch Ihre Großmama hatte häufig recht mit ihren weisen Sprüchen.

Stock und Stab

Gucken Sie immer, wohin Sie treten. Nicht nur dort, wo es schon auf den ersten Blick ratsam scheint. Unsere geliebte "Kohlenhalde" hat ihre Tücken und nicht alles was vertrauenerweckend aussieht, verdient, dass man unbesehen darauf langstürmt. Schneiden Sie sich einen langen festen Wanderstock, mit drei Beinen haben Sie mehr Trittfestigkeit und es hupft sich auch leichter über Bachbetten und Felsenrinnen. Niemand wird sich wundern, die Hirten in den Bergen haben meterlange Springstäbe und fliegen wie Gemsen über scheinbar unzugängliche Felswände. Sie kennen ihren Krümelkäse aber Sie selbst sollten sich im Zweifelsfall auf die Bewunderung beschränken: schon eine abgestürzte Ziege ist kein schöner Anblick.

Für den Fall dass Sie keine begeisterte Leseratte sind, will ich schnell noch einen wichtigen Rat loswerden:

Merken Sie sich wie lange es hell ist und gehen Sie nie ohne Uhr in die Walachei. Sie müssen vor Sonnenuntergang eine Fahrstraße erreicht haben, sonst kommen Sie nur heil nach Hause, wenn Sie das Gelände schon im Schlaf kennen. Selbst eine pista (unbefestigter Weg für Landrover u.ä.) kann bei Dunkelheit hässliche Fallen stellen. Und wenn Sie denken 'och, setz ich mich mal still hin und warte auf die Bergwacht oder den Sonnenaufgang' - erstens kommen palmeros nur vorbei, wenn sie irgendwas in den Bergen zu erledigen haben, spazieren gehen plus Natur bewundern halten sie für eine tonteria (Tick) der Ausländer. Zweitens ist eine in den Bergen verbrachte Nacht ohne entsprechende Ausrüstung ein Erlebnis, auf das Sie gerne verzichten würden und im Winter kann es sogar gefährlich werden, mit Regen und Nachtkälte ist nicht zu spaßen.

Uhr

Gucken Sie also bei Aufbruch auf die Uhr, zählen Sie die Stunden bis Sonnenuntergang und machen Sie bei Halbzeit Bestandsaufnahme. Wo Sie nicht ganz genau einschätzen können wie lange Sie geradeaus bis zur nächsten Straße brauchen, gehen Sie lieber denselben Weg zurück.

Wenn Sie kein geübter Bergwanderer sind, gehen Sie nie allein, es kann Tage dauern, bis man Sie findet. Am besten sollten Sie bei Bergausflügen ohnehin hinterlassen, wohin Sie sich gewendet haben (obgleich man ziemlich oft ganz woanders landet, als man vorhatte). Wir haben schon manche ausgedehnte Suchaktion miterlebt!

Falls Sie den Kompass-Wanderführer für die Kanarischen Inseln erstanden haben und glauben nun könne Ihnen gar nichts mehr passieren - es kann. Die kurzen Ausflüge so für sonntags nach dem Kaffeetrinken sind okay. Die Informationen für die großen Exkursionen hat sich der Verfasser vermutlich bei den palmeros geholt, und die gehen bekanntlich nur in die Berge, wenn es einen praktischen Grund dafür gibt. Mit anderen Worten auf die Kilometer- und Wanderzeitangaben können Sie getrost noch mal die Hälfte draufschlagen und nach den Wegbeschreibungen und Zeichnungen hat sich schon so mancher Urlauber prächtig verlaufen. Wenn kein Inselkundiger mit Ihnen wandert, bitten Sie Familie Strohmeier um ihr Exemplar des Wanderführers - darin hat so mancher Wanderer seine Kommentare hinterlassen. Liefern auch Sie Ihre Erfahrungen ab, andere werden es Ihnen danken und falls mich noch mal die Muse küsst (es muss nicht wieder auf Krücken sein), könnte ich auch für einen eventuellen Wanderführer davon profitieren. Wie gesagt, wir können auch noch nicht alles und außerdem verändert sich die Landschaft ja auch laufend.

Nun noch ein paar Tipps:

Ihre Ausrüstung für Spaziergänge außerhalb der bewohnten Gegenden sollte umfassen

Wasserflasche

- Eine Wasserflasche

es gibt Wege, wo Sie weder einen Bach noch eine offene Wasserleitung treffen und die verborgenen
Wasserstellen der Ziegenhirten finden wohl nur Eingeweihte.

- Etwas zu Essen

- Eine Windjacke

auf dem Huppel kann es ganz schön pusten.

- Eine Kopfbedeckung

und die Sonne piekt.

- Sonnenmilch oder -creme

bei empfindlicher Haut und in den ersten Urlaubstagen mindestens Lichtschutzfaktor 4.

- Pflaster

- Eine elastische Binde

Taschenmesser

- Ein Taschenmesser

und sei’s für die leckeren Apfelsinen, die man manchmal unvermutet auf einem
aufgegebenen Terrassenfeld trifft.

Kompass

- Einen Kompass

ist in den Wäldern und Waldschluchten, besonders im Norden, nicht verkehrt. Schon mancher Urlauber hat verzweifelt
nach seinem abgestellten Auto gesucht, weil jeder lomo (Bergrücken) dem anderen glich!

Fernglas

- Ein Fernglas

In den weiten Tälern und oben auf dem Grat sieht man meistens, wo man in etwa ist.
Wenn Sie eins dabei haben, unbedingt mitnehmen für alle Fälle!

Taschenlampe

- Eine Taschenlampe

Auch palmerische Landstrassen und schon gar die Fußwege haben es mitunter in sich. Sie denken da ist ein Bordstein und finden sich,
wenn's gut geht, einen Meter tiefer wieder.

Trennlinie

Die Caldera de Taburiente verdient sämtliche begeisterten Schilderungen, die Sie gelesen haben mögen.

Wissen Sie, wie wir nach Palma gekommen sind? Wir waren auf Teneriffa und jede besonders schöne Bergansicht verkündete auf der Rückseite: "La Palma - Caldera de Taburiente".

Aber nun fallen Sie der Schönen nicht unbekümmert um den Hals. Palmaneulinge sollten überhaupt nicht ohne Führer hineingehen. Die gangbaren Pfade sind teils schwer zu finden, außerdem ändert sich das Bild nach jedem Regenfall. Bei drohendem Wetterumschlag machen Sie lieber eine hübsche Wanderung im Brena- oder Aridanetal oder legen Sie einen Strandtag ein. Gerade im Winter, der Regenzeit, können Sie in der Caldera in Teufels Küche kommen.

Uns ist es mal passiert (mit Führer, bitte sehr!), dass wir bei schönem Wetter auf eine Zweitagetour gingen und die bedrohlichen Wolken im Norden der Insel ignorierten. Der erste Tag war ein Genuss, nachts als wir bei Bekannten in einer Lavahütte schliefen, brach ein Unwetter los und im ganzen Kraterkessel rumpelte, kollerte, knirschte und rutschte es, dass man sich unwillkürlich noch ein bisschen tiefer in Schlafsack und Kiefernnadeln wühlte. Am nächsten Tag unternahmen wir es, trotz strömendem Regen zum Kraterboden abzusteigen oder vielmehr zu glitschen und unser Führer rief alle Naslang "hier ein bisschen snell!" - Ich sage Ihnen wenn es über Ihnen grollt, flitzen Sie wie ein Karnickel!

Als wir endlich wieder am oberen Ausgang der Caldera waren, wo der Landrover wartete, war gleich dahinter die pista futsch:

Ein Riesenfelsbrocken hatte die gemauerte große Wasserleitung in der Felswand durchschlagen und der neue Wasserfall hatte den Fahrweg in den barranco gespült. Über Funk verständigten die Nationalparkwächer Los Llanos, während die männlichen Ausflügler und palmeros eine notdürftige Reparatur versuchten. Der leere Landrover kam dann ja auch irgendwie rübergehoppelt und wir zu unchristlicher Zeit zurück in unsere diversen apartamentos. Wie Mister Spock sagen würde, "faszinierend!", aber zur Nachahmung nicht unbedingt empfohlen.

Ich nehme an, Sie haben gerade in Gedanken "als wir bei Bekann­ten in einer Lavahütte schliefen" unterstrichen. Bitte, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und glauben Sie kein Wort, wenn Ihnen jemand weismachen will die Caldera sei eine zivilisierte Gegend!

Wir trafen einmal ein holländisches Pärchen, das zwar einen bildschönen Zettel besaß, dass es seine Caldera-Exkursion angemeldet hatte, aber leider auch keine bzw. völlig unzutreffende Informationen - von palmeros. Beide waren in diesen Badelatschen mit dicker Schaumgummisohle und Steg zwischen den Zehen unterwegs (sie sind da ja mittlerweile viel schlauer!) und hatten an Ausrüstung nur Badezeug und Schlafsack mit. Man hatte ihnen erzählt, sie könnten ganz leicht auf dem oberen Weg über Tenerra in den Kratergrund hinabspazieren, würden dort einen Campingplatz mit Lebensmittelladen vorfinden und könnten am nächsten Tag bequem auf der anderen Kraterseite über die Cumbrecita wieder heimwärts ziehen. Wir lasen sie mit dem Landrover noch vor dem Calderaeingang auf und da taten Ihnen schon die Füße weh.

Die pista von Los Llanos runter in den Barranco de las Angustias und wieder rauf bis zum kleinen Parkplatz ist zwar meist in relativ gutem Zustand, aber halt kein Sonntagnachmittagsspaziergang. Wir nahmen sie mit bis Tenerra, denn umkehren wollten sie nicht, auch nicht über Nacht bleiben nur zum Essen durften wir sie einladen. Ich habe den finsteren Verdacht, dass sie allen Warnungen zum Trotz doch zur Cumbrecita wollten und nicht bloß bis Taburiente, wie sie uns versicherten.

Fuß

Wir trafen sie nämlich am nächsten Morgen weder unten im Kratergrund noch bei unserer Rückkehr in Tenerra. Bei Tisch berieten wir gerade über eine Suchaktion, da kamen sie, kaputt und kleinlaut. Es war ihnen hoffentlich eine Lehre! Übrigens war es Hochsommer, der Pfad nach Taburiente frisch geräumt und knochentrocken, und bei Tageslicht nicht mehr zu befürchten als wunde Füße, sonst hätten wir sie notfalls mit Gewalt zurückgehalten.

Was erwartet Sie also, wenn Sie auf Calderakundige hören? Nun, zunächst mal mehr wilde Landschaft, als manche Leute auf einen Sitz vertragen können, insbesondere Flachlandtiroler. Wir haben schon so einige Miturlauber geführt, die sich zwischen ragenden Wänden und steilen Abstürzen sehr unbehaglich fühlten und nachts Alpträume bekamen, wenngleich sie versicherten, sie würden dieses Erlebnis nicht missen mögen.

Die Caldera ist der größte (manche sagen: der tiefste) Krater der Erde und wird auch "Backform des Teide" genannt.

Wenn Sie den von Palma aus majestätisch und wohlgeformt auf einer Wolkenbank ruhen sehen, können Sie sich wahrscheinlich in etwa eine Vorstellung von den Ausmaßen der Caldera machen. Ich habe nämlich keineswegs die Absicht, Sie mit statistischen Daten vollzustopfen, das können Sie anderswo viel besser nachlesen, wenn Sie daran interessiert sind.

Was man nur auf Teneriffa sieht: Die verführerische Geometrie des Teide ist von Nahem betrachtet selbst eine ziemlich wilde Angelegenheit. Mit anderen Worten, die Caldera ist keine Napfkuchenform! Der Kraterkessel ist voller Bergrücken und Schluchten, mitunter kommt man sich in so einem barranco mit Steilwänden rechts und links vor wie eine Fliege zwischen zwei zusammenklatschenden Händen.

Nadeln

Aber es gibt auch liebliche Wiesenterrassen und Abhänge, auf denen riesige Kiefern bedachtsam eine trockene Nadelschicht auf die andere um ihre Füße herum und auf ihre dickeren Äste legen. Auch ihre schrundige Borke wird von Jahr zu Jahr dicker; abgerissene Stücke werden im wirbelnden Gebirgswasser zu den absonderlichsten Formen geschliffen, manchmal liegen sie seidigglatt wie ein Stück Toilettenseife in der Hand. Die puschelige Kanarenkiefer mit ihren endlos langen Nadeln ist der vorherrschende Baum. Aber es gibt unzählige Arten von Bäumen, Büschen, Pflanzen und Blüten, die Ihnen gefallen werden, auch wenn Sie nicht wissen, wie sie heißen. Manche wachsen überhaupt nur hier, deshalb wohnen in Taburiente einige Botaniker in einer Behausung, von der man nicht recht weiß, ob das ein Haus, eine Höhle oder ein wucherndes Gebüsch ist. Leider ist ein Maschenzaun drumherum und ein wachsamer Hund beschimpft einen, wenn man sich nähert. Wir kennen die Botaniker auch bloß vom Hörensagen, anscheinend ist die Wissenschaft weit fesselnder als ein Plausch mit müßiggehenden Passanten.

Taburiente ist eine Gegend, nicht etwa ein Dorf, und bezeichnet unter anderem die Stelle zwischen Ab- und Wiederaufstieg, die den Holländern als Campingplatz mit allem Drum und dran beschrieben wurde.

Wegweiser

Die Nationalparkverwaltung hat am oberen und unteren Calderapfad vereinzelt hölzerne Wegweiser mit der Aufschrift "Lugar de acampada" aufstellen lassen und das bedeutet Lager- oder Zeltplatz. Der barranco des Hauptabflusses der Caldera weitet sich hier in einer Flussschleife zu einem halbwegs ebenen Platz, auf dem man in der Tat Zelte aufstellen kann und darf. Dicht am Wasser wurden einige Grillstellen aufgemauert, wie Sie sie auch an anderen Ausflugsplätzen der Insel antreffen. Lugar de acampada heißt also, dass hier (und nur hier) Zelten und Feuer machen geduldet wird. Wehe, man erwischt Sie woanders, die Nationalparkwächter verstehen da keinen Spaß! Es brennt viel zu oft in den Wäldern von Palma und vor einigen Jahren musste man befürchten, dass die Caldera ausbrennt, was vermutlich, gravierende Auswirkungen auf Klima und Wasserwirtschaft gehabt hätte.

Wasserfall

Das einzige, was Sie zur Versorgung vorfinden, ist reichlich klares Wasser, das Sie, wie überall auf Palma, unbedenklich trinken können. Die Gruselgeschichten von den großen kanarischen Inseln, wo teilweise selbst zum Zähneputzen Tafelwasser zu empfehlen ist, können Sie hier getrost vergessen. Aber alles, was Sie sonst brauchen, müssen Sie mitbringen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Versorgungsgüter in die Caldera zu schaffen: per Muli oder auf dem eigenen Rücken. Auf dem leichter begehbaren oberen Calderapfad treffen Sie immer wieder hochbepackte Mulis, die von Nagel bis Benzinfass alles transportieren, was die Nationalparkwächter, Forst- und Wasserarbeiter brauchen. Da der tägliche Anmarsch viel zu weit wäre, leben diese Leute in einfachen Hütten praktisch am Arbeitsplatz. Dort gibt es nicht mehr als Wetterschutz-, Schlaf- und Kochstellen und eine rauhe Männergesellschaft.

Beeren

Nur von zwei Stellen kann man behaupten, dass es sich um eine echte Ansiedlung mit Obst- und Gemüseanbau und Nutztierhaltung handelt: Tenerra und Taburiente. Seit einigen Jahren ist sogar ein bisschen Komfort in Gestalt von Badezimmern eingezogen, so dass man sich nicht mehr von Hühnern bestaunt auf den Hof waschen muss, was zwar sehr erfrischend, aber auch lausig kalt sein kann, denn das Wasser kommt ja direkt aus den Bergen und auf den Gipfeln liegt im Winter mitunter tiefer Schnee. Beide Bäder lassen von außen nicht vermuten, dass sie ein gekacheltes Innenleben mit Wasserklo und Warmwasserdusche haben. In Tenerra war mindestens zu Carmelas Zeiten alles richtig schnuckelig, in Taburiente merkt man, dass nur gelegentlich eine Frau nach dem Rechten sieht. Auf beiden Stationen wohnen Nationalparkwächter, die gelegentlich angemeldete Gäste über Nacht aufnehmen.

garafon

Selbstredend bringt man auch dann seine Verpflegung mit und irgendwas Hübsches für die Gastgeber wie Fisch, Fleisch, einen garrafon Wein oder eine Flasche aguardiente.

Tenerra liegt etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom oberen Calderaeingang entfernt auf einem grünen Hang. Die Unterkünfte für Mensch und Tier übersieht man leicht, sie sind aus Natursteinen gebaut und ducken sich flach an den Boden, um Wind und Wetter keine Angriffsfläche zu bieten. Außerdem zieht die großartige Umgebung alle Aufmerksamkeit auf sich (die Spanier haben dafür einen treffenden Ausdruck: "llamar la atención", wörtlich "die Aufmerksamkeit rufen"). 'Wenn man aus dem grünen Dämmer des Fußpfades auftaucht, trifft die gleißende Helligkeit der Lichtung wie ein Trompetenstoß. Und dann klettert der Blick ungläubig eine leuchtende Felswand hinauf, höher, immer höher, bis die scharfen Zähne der obersten Zinnen in den Himmel beißen. Dort oben erwacht der Tag mit sanften Ockertönen und verglüht dramatisch im letzten Abendrot. Sie treten hinaus auf die Lichtung und werden erneut gefangengenommen. Genau gegenüber von Tenerra kuschelt sich die Cumbrecita sonnig strahlend zwischen ihre großen Brüder, zwei der eindrucksvollsten tief zerklüfteten Bergriesen des äußeren Calderawalles. Meistens liegen sie in bläulichvioletten Schatten, mitunter legen sie sich einen schneeigen Wolkenpelz um den Hals.

Ratsherr

Sie wirken so ernst und würdevoll wie Hamburger Ratsherren. Leicht irritiert wenden Sie sich ab und senken den Blick in den Krater, so weit er sich Ihnen öffnet - der Ring der Kiefern um Tenerra verwehrt jede Zudringlichkeit. Die Caldera ist eine spröde Schönheit.

Ein grasüberwachsener Weg führt aufwärts zur Station, vorbei am Kuhstall aus verwitterter Lava. Sie werden auf Palma wenig Kühe auf der Weide sehen, meist hält man sie in halbdunklen kleinen Häuschen. Dann kommen Obstbäume und Gemüsebeete, auf denen Carmela meterlange schlanke Stangenbohnen zog, der Hühnerstall und im Schatten eines riesigen Apfelsinenbaumes das Wohnhaus.

Es ist im altpalmerischen Stil gebaut, ein langge­zogenes niedriges Gebäude und gerade einen Raum tief. Die aneinandergereihten Kammern öffnen sich nur nach vorn zur langen schmalen Terrasse, auf deren Begrenzungsmauer sich Kochtöpfe und Kürbisse sonnten und mindestens eine von einem halben Dutzend hübscher Katzen. Ein paar flache Stufen führen hinab zum Essplatz, unter dem Apfelsinenbaum ein großer robuster Tisch mit langen lehnenlosen Holzbänken. Dort haben wir so manches Mal fröhlich schwatzend geschmaust, kanarischen Gemüseeintopf oder Waschschüsseln voll Salat mit saftigem Fleisch, das Felipe unter freiem Himmel grillte. Dazu gab es Carmelas selbstbereiteten queso ahumad -(geräucherten Ziegenkäse) und frische Apfelsinen. Und abends konnte man zusehen, wie die Abendwolke vorn Meer her durch den barranco heraufzog, die Caldera in Dunkelheit versank und nur noch die Sterne und manchmal ein runder Mond über dem schwarzen Ring der Berge standen. Dann konnte es den eher schweigsamen Esteban überkommen, dass er, seine Pfeife schmauchend, schnurrige Geschichten erzählte, bis wir uns vor Lachen kaum noch auf den Bänken hielten. Zuletzt gingen wir ein Stückchen den Hang hinauf zu Esteban’s einer Lavahütte, in der man auf einer dicken Schicht trockener Kiefernnadeln seinen Schlafsack aus­breitete und wunderbar schlief, während unter dem Dach trock­nende Tabakblätter leise wisperten und draußen die Grillen fortissimo fiedelten.

Morgens gab es palmerisches Frühstück, heiße Milch mit gofio, aber auch tintenschwarzen Kaffee mit Brötchen, falls man welche mitgebracht hatte. Wenn man nachmittags vom Ausflug zurückkehrte, konnte man sicher sein, Esteban beim Schläfchen auf der Terrasse vorzufinden, eine Türschwelle als Kopfkissen und im Rücken Ayudante, seinen alten Schäferhund, und wenn man Lust hatte, legte man sich nach dem Essen dazu. Sie glauben gar nicht, wie gut es sich auf blankem Stein schläft, wenn man satt und müde ist! Die summende Nachmittagsstille wurde nur von gelegentlichen Durchsagen und Störgeräuschen aus der Funksprechanlage unterbrochen, die auf den Stationen ständig in Betrieb sein muss, falls einem der Feuerwächter, Forst- oder Wasserarbeiter etwas auffällt oder zustößt.

Rucksack

Später weckte einen Carmela mit ihrem stillen Lächeln und dampfendem Kaffee und dann schnürte man seinen Rucksack und sah zu, dass man noch bei Tageslicht aus der Caldera herauskam.

Carmela und Esteban sind leider nach dem großen Calderabrand fortgezogen und dann wohnte lange Zeit niemand mehr ständig hier. Nun aber soll irgendwer die Beschaulichkeit von Tenerra wiederentdeckt haben - bei nächster Gelegenheit werden wir mal nachsehen, ob sich eine neue Freundschaft knüpfen lässt. In diesem Winter mit seinen schweren Regenfällen war die pista ein unkalkulierbares Risiko und der Fußweg dürfte auch an etlichen Stellen unpassierbar geworden sein. Selbst Felipe, unser Caldera-Lehrmeister, sah von seinen häufigen Besuchen bei seinen Freunden im Krater ab, eine sehr deutliche Warnung.

Von Tenerra führt der Pfad im wesentlichen abwärts nach Taburiente. Weil er trocken und in gutem Zustand ist, rechnen Sie zwei Stunden bis zum Grund und gut zweieinhalb für den Rückweg. Man kann es auch wesentlich schneller schaffen, aber dann muss man die Kondition eines Sportlers haben und darf keinen Blick rechts und links verschwenden - und das wäre schade. Lassen Sie sich in jedem Fall genügend Spielraum, auch bei gutem Wetter kann Sie etwas Unvorhergesehenes aufhalten, und bei Nacht durch die Caldera zu tapsen, kann lebensgefährlich sein! Oder was glauben Sie, weshalb die Inselverwaltung von Exkursionen unterrichtet werden möchte? Wie uns ein besorgter Taxifahrer mal sagte: 'Man muss doch wissen, nach wem man gegebenenfalls suchen muss!' Auch wenn die Caldera nicht unbewohnt ist verlassen Sie sich nicht darauf, dass Sie alle Nase lang jemanden treffen, den Sie um Rat oder Hilfe bitten können. Wir sind ziemlich oft einen ganzen Tag herumgewandert, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Deshalb hinterlassen auch wir, welche Route wir gehen und ob wir abends oder erst am nächsten Tag zurückkommen.

Der Taburientepfad ist an sich bequem, nur an einigen Stellen empfiehlt sich erhöhte Aufmerksamkeit, zum Beispiel wenn Sie an dem gigantischen Kiesel vorbeikommen, der so aussieht, als wollte er gleich losrollen und Sie zerquetschen. Der Grund ist feucht und das felsige Bachbett neben dem Kiesel glitschig. Felipe hat schon mal eine Urlauberin gerade noch am Arm erwischt. Wenn Sie wie hier, irgendwo in den Bergen ein Geländer sehen, glauben Sie mir, das ist ein ernsthaftes Signal, dass irgendwas nicht geheuer ist. Palmeros gruselt es so leicht vor nichts, denken Sie bloß mal an die Bürgersteige, neben denen es ohne Warnung senkrecht abwärts geht! Wenn Sie nun also brav und fidel des Weges ziehen, schauen Sie nicht nur in den Kessel, sondern auch bergwärts. Einen Blick liebe ich besonders, da sieht der Grat so aus, als türme sich eine mittelalterliche Festung In den Himmel. Im wechselnden Licht schimmert sie mal unnahbar hell, mal in trutzigem Grau, mal leuchtet sie furchterregend in roter Glut.

An einer kleinen Bergwiese wendet sich der Pfad leicht nach rechts in Richtung Taburiente und führt Sie zum lugar de acampada. Die Station Taburiente liegt links oberhalb des Pfades und wenn ein Hund bellt oder ein Huhn verkündet, dass es ein Ei gelegt hat, marschieren Sie glatt daran vorbei und wundern sich höchstens, dass eine niedrige Felswand eine Tür hat. Früher bat ein Schild am Pfad darum, die Station in Frieden zu lassen; vielleicht hat das das Gegenteil bewirkt, nun steht es am Eingang zum Anwesen, man sieht es erst, wenn man sich bereits zum Besuch anschickt. Als die Nationalparkverwaltung vor einigen Jahren die Grillstellen einrichtete, legte sie auch den oberen Calderapfad neu an. Seither finden sich erheblich mehr Ausflügler ein und Schilder machen ja oft erst recht neugierig.

Nun gut, nehmen wir mal an, Sie sind ein erwarteter Gast und dürfen sich auf der Station Taburiente umsehen. Sie liegt in einer Mulde, behütet von einem Ring von hohen Bäumen und Büschen, kleine Äcker, ein Gemüsegarten, Obstbäume, Hühner und Ziegen decken den täglichen Nahrungebedarf. Nahe am Haus steht der üppigste Apfelsinenbaum, den ich je gesehen habe, mit so saftigen Früchten, dass hinterher alles klebt. Man kann sich an der großen offenen Zisterne säubern, in die ständig frisches Quellwasser hineinsprudelt und einen langen perlenden Bogen in die durchsichtige Tiefe zeichnet. Das niedrige Wohngebäude ist zweifach über Eck gebaut, mit dicken Lavamauern und nur wenigen Lichtluken. Der Hauptraum ist lang und ziemlich leer: eine große Truhe, ein langer Tisch mit Bänken, die räuspernde, quäkende Funksprechanlage. In einer Ecke ein kleiner Schwarzweißfernseher, aber obgleich sich die Männer von Taburiente abends schon mal dicht davorhocken - viel mehr als der Ton kommt nicht an. Das Bild wandert ständig und verschwindet oft in dichtem Schneegestöber. Schließlich ist man hier im Kratergrund, eingekreist von den höchsten Felswänden La Palmas. Die Attraktion des Raumes ist der gewaltige Kamin, bei dessen Feuerschein es sich gemütlich plaudert. Im Winter kann es tagsüber sommerlich warm sein, aber nachts für palmerische Begriffe bitterkalt. Palmeros können sich ohnehin nicht vorstellen, wie man die diesjährigen Kälteeinbrüche von über 30 Grad minus in Deutschland überlebt. Bei minus 18 Grad ist in ihren Tiefkühltruhen doch alles steifgefroren! Aber selbst abgehärtete Deutsche kommen an kalten Winterabenden ins Bibbern und sind dankbar, wenn der Kamin beim Abendessen Licht und Wärme spendet.

An den Aufenthaltsraum schließt sich auf der einen Seite die Küche an, mit gemauerten Schränken, Tellerbrettern und offenen Regalen für die Lebensmittel. Auch ein Spülbecken gibt es, allerdings mit kaltem Wasser. Das ist auf Palma völlig normal, denn das palmerische "Spüli" flota wird mit Fett und Gerüchen fertig, solange das Wasser noch Fließtemperatur hat. Flota ist ein weißer oder hellblauer gepresster Block vom Durchmesser einer Untertasse und wird benutzt, indem man mit Lappen oder Schwamm erst darauf, dann auf Tellern und Töpfen herumreibt und nachher unter fließendem Wasser abspült. Geschirrtücher gibt es im Durchschnittshaushalt meist nicht, es trocknet ja alles fein auf dem Abtropfbrett. Taburiente hat zwei Kochstellen, eine "moderne" und eine herkömmliche. Die moderne befindet sich in einem Extrakabuffchen und wird mit Propangas betrieben. An der Außenwand ist ein großer gemauerter Backofen für das selbstgebackene Brot und eine Räuchervorrichtung für den Ziegenkäse.

Den zweiten Hauswinkel bildet der Schlaftrakt, mehrere Kabuffs mit kleinen vergitterten Luftluken. Licht fällt durch die Türen, die sich auf einen offenen überdachten Gang zum Innenhof hin öffnen. Man kommt also trockenen Fußes vom Aufenthaltsraum in sein Etagenbett, kuschelt sich zwischen Matratzensack und ein bis drei Wolldecken und hofft, dass niemand von den Kabuffteilhabern schnarcht. Die Mindestbesetzung eines Schlafraums sind sechs Personen. Bettwäsche gibt es nicht und Handtücher muss man selbst mitbringen, aber man kann, wie gesagt, morgens warm duschen, wenn man den Durchlauferhitzer zum Funktionieren überredet hat.

Der Innenhof im einen und die Terrasse im anderen Hauswinkel werden im Sommer von Weinreben wie von einem Dach überschattet, im Herbst hängen dicke Trauben daran. Daraus Wein zu machen, würde sich nicht lohnen; in Taburiente trinkt man Wasser und Ziegenmilch, alles übrige muss "importiert" werden. Am Innenhof liegt auch das Kochhäuschen mit der herkömmlichen Kochstelle, einem nach oben und vorn offenen Herdloch, über dem bei Bedarf ein Rost zum Grillen gelegt werden kann. Das Häuschen ist eigentlich nur ein Wind- und Regenschutz, von vorne kann man dem Koch über die Schulter gucken, wie er das Feuer unter dem riesigen schwarzen Topf schürt oder das Fleisch wendet. Gemüseputzen und sonstige Vorbereitungen werden auf der langen Mauer erledigt, die den Innenhof auf der Gartenseite begrenzt. Dort kann man auch beinbaumelnd sitzen und mit dem Koch plaudern. Bisher waren wir immer mit Felipe auf Taburiente und der ist ein so begeisterter Koch, dass man allenfalls die mitgebrachten Lebensmittel tragen helfen darf. Gegessen wird gemeinsam mit den Dauerbewohnern und nur auf der "Durchreise" verweilenden Calderaarbeitern. Die machen sich einen Spaß daraus, Palmaneulinge mit gofio-Pampe zu erschrecken und freuen sich, wenn man ihnen erzählt, was außerhalb der Caldera vor sich geht. Andererseits lernt man von ihnen viel über die Caldera. Was wir leider immer noch nicht hingekriegt haben: dass uns mal einer mitnimmt in ein Wasserbergwerk. Aber da gibt es Vorschriften, und wenn auch palmeros geneigt sind, mit allen möglichen Sicherheitsregeln großzügig zu verfahren (gucken Sie sich bloß mal die Elektroinstallationen an!), bisher hat sich noch kein Vorarbeiter erweichen lassen.

Die galerias zapfen Wasserreservoirs an, die sich im Berg unter einer wasserundurchlässigen Gesteinsschicht wie große unterirdische Seen bilden und durch Regen und Schmelzwasser immer wieder aufgefüllt werden. Wenn Sie mal irgendwo in wilder Gegend Schmalspurgeleise sehen, die auf der einen Seite über einem barranco enden und auf der anderen in ein tiefes schwarzes Loch im Berg führen, sind Sie auf ein Wasserbergwerk gestoßen. Gehen Sie lieber nicht hinein, auch wenn weit und breit kein Mensch ist. Erstens ist es nach wenigen Schritten im Stollen pechfinster und zweitens sollte man als Fremder doppelt vorsichtig sein, wenn schon palmeros bedenklich gucken. Die Insel ist nun mal ein gewaltiger Krümelkäse und dauernd in Bewegung.

So, nun klappe ich meinen warnenden Zeigefinger wieder ein und erzähle Ihnen noch, was es mit der Tür in der Felswand auf sich hat. Dahinter verbirgt sich eine von mehreren Höhlen im Taburientegelände, die zu Schlafräumen umfunktioniert wurden. Das heißt elektrisches Licht, halbwegs ebener Boden, Etagenbetten und ein paar schlichte Holzborde. Dort können Familienangehörige und Freunde der Calderaleute übernachten und tun das besonders in den langen Sommerferien mit Begeisterung, so dass es für Außenstehende keine freie Pritsche gibt.

Vermutlich fragen Sie sich schon seit geraumer Zeit, warum ich Ihnen den Mund wässrig mache, wo Sie doch nicht in Tenerra oder Taburiente zu Besuch kommen können. Gemach, Sie können; Familie Strohmeier hilft Ihnen dabei. Am einfachsten ist es, wenn unser Freund Felipe mit Ihnen geht, Sie haben dann auch gleich einen kompetenten Führer samt Landrover. Leider macht Felipe das nur gelegentlich und nebenberuflich, eigentlich ist er nämlich Bananen- und Avocadopflanzer und nennt einige gepflegte fincas sein eigen. Wenn Felipe keine Zeit hat, müssen Sie dort, wo Sie Ihre Exkursion anmelden, fragen, ob Sie auf einer der beiden Stationen übernachten können. Lassen Sie gleich mit anfragen, ob Sie Decke oder Schlafsack mitbringen müssen; in Tenerra ist das sicher heute noch der Fall, in Taburiente gibt es eine begrenzte Anzahl von Decken. Auch als zahlender Gast sollten Sie an ein kleines Geschenk denken, es gehört in der Caldera zum guten Ton, etwas mitzubringen, was dort nicht wächst.

Eine Übernachtung sollten Sie immer dann einplanen, wenn Sie einen "Calderakringel" drehen wollen, also über den oberen Pfad hinein und den unteren hinaus. Man kann es an einem Tag schaffen, aber bedenken Sie, vom oberen Eingang bis Taburiente sind es zweieinhalb Stunden, von Taburiente bis zum unteren Ausgang viereinhalb, und das unter der Voraussetzung, dass Sie sich nicht verlaufen. Der untere Pfad ist zwar von Taburiente aus leichter zu finden als umgekehrt von unten hinauf, aber es gibt einige Stellen, wo Sie ohne Führer erst mal herumsuchen, wie zum Kuckuck es nun weitergeht. Jedes Suchen, jeder Rückmarsch, wenn Sie an eine unpassierbare Stelle gekommen sind, geht in die Zeit! Selbst wenn alles gut geht: Sieben Stunden Fußmarsch sind es ohne Essenspause und viel Zeit zum Gucken und „Ah!“ und „Oh!“ schreien haben Sie dabei nicht. Und dann müssen Sie ja auch erst mal zum oberen Eingang kommen und nachher vom barranco-Ausgang wieder nach hause. Felipe macht den Kringel übrigens nie an einem Tag ... Zum Angewöhnen und ohne Führer würde ich sagen: Begnügen Sie sich mit einem Ausflug über den oberen Pfad zum Kratergrund, gucken Sie sich dort ein bisschen um und wandern Sie denselben Weg zurück. Wenn Sie die Wetterlage beachten und nicht leichtsinnig sind, haben Sie hervorragende Aussichten, heil und in einem Stück wieder zurückzukommen.

Im Kratergrund gibt es Stellen, wo Sie sich wie in einen deutschen Mittelgebirgewald versetzt vorkommen. Sie schlendern gemütlich vor sich hin, lassen sich von Bäumen und Bächen etwas vorrauschen und nehmen auf einem Stückchen blühender Wiese ein Sonnenbad. Sie können aber auch steile Abhänge hinaufkeuchen und abwärts die Erfahrung machen, dass ein dicker Kiefernnadelteppich wohl mit Schmierseife verwandt sein muss. Ehe Sie Böses ahnen, sitzen Sie verdutzt auf Ihrem Popo. Gleich hinter der Station Taburiente hat ein Riese ein Backförmchen umgestülpt. Der Huppel hat senkrecht abfallende Krümelwände, hoch oben auf der stumpfen Spitze wedeln ein paar Puschelkiefern. In der Wand zum Flüsschen hin stecken einige größere Felsbrocken, die ihr von Taburiente aus betrachtet ein markiges Männerprofil verleihen. Links oberhalb der Station führt Sie so etwas Ähnliches wie ein Pfad nach ca. einer Dreiviertelstunde an einen Absturz, von dem aus Sie einen herrlichen Blick auf den längsten Wasserfall der Caldera haben. Sollten Sie hinfinden, bleiben Sie bitte in respektvollem Abstand vom Rand. Der hängt nämlich teilweise über, das sieht man aber nur von unten - und unten heißt einige hundert Meter in freiem Fall ...

Wenn Sie dem Flussbett vom lugar de acampada aus nach links folgen, kommen Sie in eine reichlich wilde Gegend mit Steilwänden und felsigen Schluchten, die gemeinerweise häufig irgendwo unpassierbar werden, so dass Sie murrend umkehren. Im Allgemeinen sind Sie auf Ihre Geschicklichkeit angewiesen, über all die herumliegenden Klamotten zu turnen.

Es gibt ein paar Pfade für die Versorgungsmuli, aber die sind schwer zu finden. Um den Kratergrund zu erforschen, brauchte man Tage! Wir haben zum Beispiel immer noch keinen Zugang zum großen Wasserfall gefunden und leider auch noch keinen palmero, der uns dahin geführt hätte. Die Caldera-Leute haben keine Zeit zum Spazieren gehen, und unter den "normalen" palmeros finden Sie selten jemanden, der schon mal in der Caldera war. Schließlich kann man von der Cumbrecita und vom Roque de los Muchachos aus wunderschön hineingucken und zudem bis zu den Aussichtspunkten mit dem Auto fahren, nicht wahr?

Junge palmeros machen zwar schon mal Ausflüge, bleiben auch bisweilen einige Tage mit Zelt und/oder Schlafsack am Grillplatz, aber dass sie einen ausgeprägten Drang zum Wandern hätten, kann man wirklich nicht behaupten.

Bei passender Gelegenheit wollen wir mindestens eine Woche in der Caldera bleiben, um sie besser kennenzulernen. An- und Abmarsch nehmen bei einem Zwei-Tage-Ausflug zuviel Zeit in Anspruch, als dass man die Gegend großartig auskundschaften könnte. Und - Sie erinnern sich - bei Dunkelheit sollte man irgendwo sicher auf seinen vier bis fünf Buchstaben sitzen. Selbst die Caldera-Leute laufen dann nicht ohne Not herum. Als wir im letzten Jahr meines Mannes Geburtstag auf Taburiente feierten, war er bei Sonnenuntergang noch nicht zurück und die palmeros gerieten in leichte Panik. Alle Nase lang rannte einer hinter das Haus und gab Lichtzeichen. Nur Felipe und ich fanden, dass zur Beunruhigung noch Zeit bliebe, da wir wissen, dass mein Mann nicht leichtsinnig ist. Er kam ja auch bald darauf fidel im Schein einer Taschenlampe anspaziert: Er hatte noch ein bisschen unten am Grillplatz geplaudert ...

Flußbett

Rechts vom Grillplatz verengt sich das Flussbett sehr rasch. Von Spazieren gehen kann keine Rede sein. Sie müssen hupfen, krabbeln balancieren, und wenn Ihnen jemand erzählt, Sie könnten diesem Hauptcalderaabfluss bis in den Barranco de las Angustias folgen, so war der mit Sicherheit noch nie dort.

Aber es macht Spaß, ein bisschen herumzuklabastern, besonders im Sommer, wenn eine kühle Bergwasserdusche sehr willkommen ist. Es gibt etliche kleine Wasserfälle, unter denen man Allotria treiben und hübsche Privatregenbogen fabrizieren kann. Man kann durch abschüssige Rinnen waten, in denen das Wasser so schnell dahinschießt, dass es schäumend um die Beine strudelt.


WANDERER, KOMMST DU NACH PALMA ....

Geschrieben für die Gäste in den "Apartamentos Montebrena“ damit sie unsere schöne Insel unbeschadet genießen können.

Gewidmet Ulla und Herbert Nitschke, die ich diesmal so sträflich vernachlässigt habe.

© Marianne Lüdtke
Friedbergstr. 43
D-1000 Berlin 19

San José, Brena Baja, Januar 1985


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© 2002, Ingo Schneickert